Sicherheit beginnt lange vor der Eskalation
Die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Gewalt gegen Bahnbeschäftigte“ des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung bestätigen vieles, was Mitarbeitende im Bahnverkehr seit Jahren erleben: Gewalt ist für viele Beschäftigte kein Ausnahmefall mehr, sondern gehört zunehmend zum Berufsalltag.
Besonders interessant sind dabei jedoch nicht die Zahlen – so erschreckend sie auch sind –, sondern die Erkenntnisse darüber, wann und warum Gewalt entsteht.
Die Studie macht deutlich, dass Eskalationen selten zufällig entstehen. Sie folgen wiederkehrenden Mustern. Besonders häufig kommt es zu Konflikten bei Fahrscheinkontrollen, Verspätungen, Zugausfällen oder immer dann, wenn Regeln durchgesetzt werden müssen. Hinzu kommen belastende Rahmenbedingungen wie hohe Fahrgastzahlen, Alkoholkonsum oder Großveranstaltungen.
Bemerkenswert ist, dass nicht allein das Verhalten aggressiver Fahrgäste über den Verlauf einer Situation entscheidet. Auch organisatorische und situative Faktoren beeinflussen das Eskalationsrisiko erheblich.
So zeigt die Untersuchung, dass körperliche Nähe das Risiko von Übergriffen deutlich erhöht. Beschäftigte geraten häufiger in gefährliche Situationen, wenn sie Fahrgäste festhalten müssen oder keinen ausreichenden Abstand herstellen können. Gleichzeitig sinkt das Risiko dort, wo Rückzugsmöglichkeiten bestehen, mobile Hilferufsysteme zuverlässig funktionieren und Mitarbeitende Handlungsspielräume besitzen, um situationsgerecht entscheiden zu können.
Diese Erkenntnisse decken sich mit den Erfahrungen aus dem professionellen Deeskalationsmanagement.
Wer Konflikte ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Durchsetzung betrachtet, greift häufig zu kurz. Sicherheit entsteht nicht erst dann, wenn eine Situation eskaliert ist. Sie beginnt bereits bei der Gestaltung von Arbeitsabläufen, klaren Organisationsstrukturen und der Qualifizierung der Mitarbeitenden.
Distanzmanagement, eine ruhige und wertschätzende Kommunikation, das frühzeitige Erkennen von Eskalationsanzeichen sowie klare Handlungsoptionen sind keine „weichen Faktoren“. Sie gehören zu den wirksamsten Schutzmaßnahmen überhaupt.
Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass technische Lösungen allein keine Präventionskultur ersetzen können. Notrufsysteme, Bodycams oder Videotechnik können unterstützen. Ihre Wirkung entfalten sie jedoch nur dann, wenn sie in funktionierende Prozesse eingebettet sind und von den Mitarbeitenden sicher angewendet werden.
Für Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Prävention bedeutet weit mehr als die Einführung neuer Technik oder zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen. Entscheidend ist eine Organisationskultur, in der Mitarbeitende Handlungssicherheit erleben, regelmäßig trainieren und sich darauf verlassen können, dass Regeln, Kommunikation und Unterstützung im Einsatz tatsächlich funktionieren.
Die Studie liefert damit nicht nur eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation, sondern vor allem eine wertvolle Orientierung für die Weiterentwicklung moderner Sicherheits- und Deeskalationskonzepte.
Denn wirksame Prävention beginnt nicht mit der Reaktion auf Gewalt – sondern lange davor